Wie haltet ihr es mit der Trauung für alle?

 

 

„Die christliche Religion, in der Gott die Liebe und die Quelle der Liebe ist, gebietet Respekt vor allen, die sich lieben. Es widerspricht der Güte und Freundlichkeit Gottes, seinen Segen kleinlich auf die zu beschränken, die sich als Mann und Frau lieben.“ Solche Einschätzungen wie die der hier zitierten Professorin für evangelische Theologie Helga Kuhlmann haben längst nicht nur Eingang in Lehrbücher für den Evangelischen  Religionsunterricht gefunden, sondern sind bis in die Ordnungen der deutschen Landeskirchen durchgeschlagen.

 

Seit 2016 ist – endlich und ein Jahr vor (!) der staatlichen Regelung einer „Ehe für alle“ – in unserer rheinischen Landeskirche die Trauung  gleichgeschlechtlicher Paare jeder anderen Trauung gleichgestellt. Die evangelischen Landeskirchen in Deutschland haben es im Wesentlichen geschafft, sich von althergebrachten und gesellschaftlich sanktionierten (siehe der bis 1994 [!] gültige §175 StGB) Ansichten zu lösen, mit  anderen Augen auf die einschlägigen Bibeltexte zu schauen und sich dabei, befreit von antiquiertem, menschenfeindlichem Ballast, an der  Botschaft der uneinschränkbaren Liebe Gottes auszurichten. Gott sei Dank! Es war ein langer und umstrittener Weg, der parallel zur  gesellschaftlichen Entwicklung seit den 1970er Jahren begangen wurde.

 

Theologisch gibt es aus meiner Sicht keinen einzigen Grund, Menschen wegen ihrer geschlechtlichen Identität, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Lebensform in irgendeiner Weise, gewollt oder nur als Wirkung erzielt, zu diskriminieren. Abgesehen davon, dass Diskriminierung verboten ist.

 

Die unbedingte, d.h. an keine einzige Bedingung knüpfbare Liebe Gottes, gilt allen Menschen. Unsere Haltung als Christ*innen kann nur darin bestehen, dieser Liebe in unserem Leben zu entsprechen. Alle gehören dazu – ohne Unterschied und ohne Ansehen der Person.

 

Doch nicht in allen Kirchen und Konfessionen haben sich solche Einschätzungen weitgehend durchgesetzt. Auch in der rheinischen  evangelischen Kirche gibt es weiterhin viele Menschen, die sich mit dieser offenen, einladenden Haltung schwertun. Ein ehemaliger  Studienkollege, der vor etlichen Jahren vom Mann zur Frau wurde, hat es trotz der Unterstützung durch das Presbyterium nach seinem Outing nicht geschafft, in seiner Gemeinde als Pfarrerin bleiben zu können.

 

Bilder in den Köpfen prägen Haltungen. Wo das Tabu durchbrochen wird, entsteht nicht nur Befreiung, sondern auch Abwehr. Heute  unterrichtet die Kollegin als Schulpfarrerin an einem Berufskolleg und teilt dort mit jungen Menschen auch ihre Lebensgeschichte.

 

Die katholische Kirche tut sich aufgrund ihrer Bindung an die traditionelle Sakramentenlehre und die sexuellen Normen der alten Kirche schwer.

 

Der fundamentalistische (oft mit dem evangelikalen gleichzusetzende) Zweig des Protestantismus scheitert an seinem wörtlichen Verständnis der Bibel, das sich weigert, die alten Texte als historische Glaubenszeugnisse anzusehen und sie im Licht moderner humanwissenschaftlicher Erkenntnisse und der biblischen Grundaussage von der unbedingten Liebe Gottes neu zu interpretieren.

 

Rolf Lenhartz