„Was wäre, wenn…“

Ein versöhnlicher Blick auf das eigene Leben

 

 

„Was wäre, wenn…? Hätte ich mich doch damals anders entschieden?! Was wäre dann geworden?“

 

Wenn man im Rückblick auf den eigenen Lebensweg schaut, dann entdeckt man Weichenstellungen und Entscheidungen, die zu solchen Fragen führen können. Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn eine andere Frau meine Partnerin geworden wäre oder wir keine Kinder hätten? Wie, wenn ich doch meinen ursprünglichen Berufswunsch weiterverfolgt hätte?

 

Solche Fragen klingen im Rückblick auf eine Lebensphase rein hypothetisch, aber sie sind Ausdruck der Tatsache, dass Entscheidungen Wahl und Abwahl von Möglichkeiten bedeuten.

 

Doch in welcher Haltung schaue ich auf eine Lebensphase zurück? Trauere ich verpassten Gelegenheiten nach? Lasse ich mich von der Unzufriedenheit leiten, dass vielleicht nicht alles so geworden ist, wie ich es mir erträumt hatte? Oder kann ich in der Rückschau entdecken, dass diese Lebensphase – aufs Ganze gesehen – rund geworden ist?

 

Eine mit positiven Gefühlen besetzte Rückschau kann gelingen, wenn man das eigene Leben nicht durch die Brille von Idealen und Wünschen betrachtet, die man nie hat erreichen können. Das Perfekte hat auf dieser Welt keinen Raum. Risse und Brüche gehören zu jedem Leben dazu, die Aussöhnung mit den eigenen inneren und äußeren Grenzen ohnehin. Und mit den meisten dieser Erfahrungen wächst unsere Kraft, mit vielem davon zurecht zu kommen.

 

Weder die Fixierung auf himmlische Luftschlösser noch der Blick in den Abgrund fördern Wahrnehmung und Gestaltung des eigenen Lebens. Was einen ebenso ernsten wie liebevollen Blick verdient, das ist die Realität, die unser Leben prägt. Wenn ich die Realität als Teil meines Lebens anerkenne, kann ich Grenzen überschreiten und weitere, neue Möglichkeiten in den Blick nehmen. Dann fällt es mir leichter, mit Mut und Entschiedenheit die nächsten Schritte zu gehen.

 

Die nächsten Schritte: Ich erlebe etliche Jugendliche und junge Erwachsene, denen die Entscheidung für ihren zukünftigen Weg schwerfällt. Es gibt gefühlt unendliche Möglichkeiten! Zugleich ist vieles unklar: Wird das, was ich heute will, in 10 Jahren noch Bestand haben? Welches tragfähige Bild kann ich mir von der Zukunft machen, wo sich die Welt doch ständig schneller verwandelt!?

 

Nicht jeder Mensch verfügt über die innere Kraft, Unsicherheiten und Vielfalt als Chance zu entdecken und zu nutzen. Immer mächtiger wird – nicht nur in unserem Land – die Versuchung, dem Lockruf der einfachen Antworten und der alten wie neuen Feindbilder zu erliegen. Auch die Verweigerung, mit dem eigenen Lebensstil auf die globalen Risiken wie Klimawandel und Artensterben konstruktiv zu reagieren, greift weiter um sich.

 

Unsere Zeiten zum Wege finden sind wahrlich nicht einfach! Doch will ich mich von dieser Einsicht nicht zur Untätigkeit verführen lassen.

 

So banal es klingt: Zum Wege finden gehört das Ziel, das ich erreichen möchte. Wo will ich hin mit meinem Leben? Und wie wird daraus – nämlich aus der Antwort auf die Frage nach dem Ziel – ein Weg, den ich finden und dann auch gehen kann?

 

Um im Bild zu bleiben: Das Ziel in den Blick nehmen, das notwendige Gepäck in der Hand, andere einladen mitzukommen und einfach losgehen! Nur: Zu viel wollen und zu wenig wollen macht ohnmächtig. Die Realität mit ihren Chancen und Grenzen ist der Spielraum meines Lebens.

 

Mit diesen, aus der humanistischen Psychologie stammenden Gedanken, bin ich ganz nah bei dem, was Jesus von Nazareth damals wollte: Seine Botschaft vom Reich Gottes zielte nicht auf eine unerreichbare Zukunft, sondern auf die kleinen Schritte, die Menschen möglich sind, wenn sie das Ziel, ein Reich Gottes in Gerechtigkeit und Frieden, im Blick behalten und sich davon in der Gestaltung ihres Lebensweges leiten lassen.

 

Damit diese christliche Grundhaltung nicht verkümmert oder sich in allgemeinen religiösen oder ethischen Belanglosigkeiten auflöst, suchen Christenmenschen das Gespräch und die Begegnung miteinander. Dieses zu ermöglichen, ist für mich eine der unverzichtbaren Funktionen der christlichen Kirche. Dazu gehören der Diskurs in der Gemeinde vor Ort ebenso wie die öffentliche Auseinandersetzung mit wegweisenden Publikationen der Kirche zu unserem Weg in der Gesellschaft.

 

Rolf Lenhartz

„Ich bin nicht ohnmächtig,
ich bin nicht allmächtig.
Ich bin teilmächtig.“
(Ruth Cohn)

„Das Reich Gottes ist schon da: mitten unter euch!“
(Jesus von Nazareth, Lukas 17,21)