Vielvölkerkrippe in Widderdorf

 

 

Haben Sie die Krippe schon einmal gesehen? Groß ist sie, über dreihundert Puppen sind zu sehen – und mit herkömmlichen Krippenfiguren haben diese rein gar nichts zu tun. Es sind Trachtenpuppen, wie man sie in Andenkenläden auf der ganzen Welt finden kann, neben Kitsch – und ein bisschen kitschig sind so manche selber!

 

Das Besondere daran: Jede dieser Puppen haben Gemeindemitglieder aus ihren Urlauben mitgebracht und gestiftet. Puppen aus aller Welt kamen zusammen: Aus Südamerika, aus Japan, aus Korea, aus europäischen Urlaubsländern – eine enorme Vielfalt!

 

Inspiriert wurde die Krippe durch die Porzer Vielvölkerkrippe. 1991 regten unsere ehemalige Pfarrerin Ilse von Waechter sowie die Presbyterin Vera Boedler an, auch in Widdersdorf eine Krippe nach dem Vorbild der Porzer Krippe zu schaffen.

 

Als Grundstock gab es ein Geschenk der Porzer, eine afrikanische Holz-Krippe u.a. mit Boot, Maria, Josef, einem Engel, einem Schreiber und Tieren. Dass es sich hier um eine Krippe handelt, haben wir erst nach vielen Jahren entdeckt – wir hatten den Korb mit dem Jesuskind für einen Fruchtkorb gehalten. Inzwischen gibt es übrigens eine weitere „Krippe in der Krippe“, eine  peruanische.

 

Die zweite Figur war eine Tempeltänzerin aus Bali – die Spenderin meinte,auch dies sei eine Form der Anbetung und passe sehr gut in eine Vielvölkerkrippe.

 

Zunächst lautete das Motto „Alle Völker der Welt kommen und beten an“,  bis ein Besucher monierte, dass hier ein Missionsgedanke überdeutlich würde. Eine Diskussion im Krippenteam ergab, dass „Menschen aus aller Welt kommen und beten an“ tatsächlich unserem Anliegen näher kam – das neue Motto war geboren.

 

Präsentiert wurden die Puppen zunächst auf Rupfen – erst 1995, als die Zahl der Puppen deutlich gewachsen war, haben sich Gemeindemitglieder entschlossen, eine Krippenlandschaft zu bauen. Mit dabei waren Senioren, junge Menschen und auch Kinder – eine bunte Mischung.

 

Zugegebenermaßen: Das Ganze war abenteuerlich! Geld hatten wir eigentlich nicht zur Verfügung, dafür viel guten Willen, aber äußerst wenig Vertrauen in unsere Fähigkeiten als Krippenbauer – ein verzagtes Häuflein.

 

Glücklicherweise gab es einen sehr kreativen Kopf, gelernter Kulissenbauer und Schreiner, Herr Charly Gülker, der nirgendwo Probleme sah und getreu dem Motto „Holz kauft man nicht, Holz hat man“ aus jedem Materialrest aus seinem Keller etwas hervorzauberte. So besteht ein Teil der Zentralkrippe aus einer alten, auseinandergeschnittenen Eisenbahnlandschaft; der Hintergrund zum Teil aus einem ausgedienten Tapeziertisch. Ehe unser Hobbymaler Herr Erwin Andrys (†) mit dem Malen begann, musste er leicht ungehalten unzählige Schichten Kleister entfernen…

 

Gebaut wurde in einem Privatkeller ohne ausreichende Belüftung zwischen aufgehängter Wäsche – der reichlich verwendete Lack und die Farben haben uns nicht nur Husten und Kopfschmerzen beschert, sondern auch der Wäsche einen unverwechselbaren Duft verliehen…

 

So entstanden Bethlehem, eine afrikanische Landschaft, eine (südamerikanische) Gebirgslandschaft und eine „europäische“ Kulturlandschaft mit Äckern und Meer, wobei die Auswahl der Landschaften sich pragmatisch an den vorhandenen Puppen orientierte.

 

Die Hirten, Könige sowie Maria, Josef und das Jesuskind haben kurzerhand zwei Frauen aus der Gemeinde selber gebastelt! Weil es sich um junge Mütter handelte, haben sie es schlichtweg nicht fertiggebracht, das Jesuskind nackt zu lassen – es hat einen Strampler bekommen!

 

Immer wieder haben wir um weitere Puppen gebeten – und sie kamen in Mengen! Auf der Zentralkrippe hatten sie gar keinen Platz mehr und so entstanden – zugegebenermaßen etwas planlos – Seitenteile, mit dem Gemeindehaus, der katholischen Kirche, dem Dom, mit London, Moskau, einer asiatischen Landschaft und dem Schwarzwald, letzteres, weil es einfach so viele Schwarzwaldpuppen gab. Alles hat Herr Andrys gemalt, mit viel Herzblut und einem Können, das uns anderen Krippenbauern fehlte!

 

Durch die gesamte Krippe führt ein Weg zum Stall, auf dem die Völkerscharen getreu dem Motto der Krippe (Menschen aus aller Welt kommen und beten an) zur Krippe wandern. Wer wandert, muss sich rechtzeitig auf den Weg machen, und so steht die Krippe ab dem ersten Advent. Auch Maria und Josef sowie die Könige sind von Anfang an in der Krippe zu finden und kommen pünktlich am 24.12. bzw. am Dreikönigstag an.

 

Wöchentlich verändert sich das Bild der Krippe – immer mehr Menschen (Puppen) wandern zur Krippe. Aus rein technischen Gründen (die Puppen auf den Seitenteilen sind zu groß für die zentrale Krippenlandschaft) bewegen sich nur die (kleineren) Figuren in der Zentralkrippe.

 

Auf dem Weg erleben die Figuren einiges: Manch einer schließt sich dem Zug an, mancher gibt auf; mancher begegnet Gefahren, bestaunt die prächtigen Könige, transportiert seine Schweinchen im Bollerwagen, die unterwegs ausbüxen und vielleicht am Ende als Geschenk in der Krippe landen – eine „Erlebniskrippe“ eben.

 

Erleben Sie in diesem Jahr auch die Krippe?

 

Sabine Blume