Unser Licht in der Dunkelheit

 

 

Die Sonne: Ohne Sonne keine Wärme, ohne Sonne kein Licht, ohne Sonne keine Chance auf Leben. Aber kann die Sonne nicht auch blenden? Wenn sie mir zu sehr ins Gesicht scheint – mich blendet und ich im Schatten Schutz vor ihr suche? Scheint die Sonne zu viel und zu warm, sterben Pflanzen und vertrocknet Felder, brennen ganze Lebensräume nieder. Ohne die Sonne kann die Saat auf dem Feld nicht wachsen und uns Nahrung schenken, aber bei zu viel Sonne gehen die kleinen Pflänzchen und sogar
großes, stark und unzerstörbar wirkendes Leben, ein.

 

Die Sonne. Ein gelber Kreis und um ihn herum Striche als Strahlen. Das, was wir als Kinder symbolisch malen, wenn wir an eine Sonne denken, ist eine Abstraktion dessen, was wir sehen. Oder eben nicht sehen. Denn wenn ich versuche, zur Sonne zu schauen und sie zu sehen, wie sie ist, dann blendet sie mich. Dabei muss ich an Gott denken. Gott ist wie eine Sonne, die am Himmel strahlt und von der ich denke, ich würde sie sehen. Aber ganz und greifbar – erkennbar – ist er nicht. Ich kann Gott nur erahnen und sein Licht und seine Wärme spüren und muss akzeptieren, dass ich ihn niemals richtig fassen und begreifen kann.

 

Doch was mache ich, wenn ich weder Licht noch Wärme spüren kann? Wenn sich eine Wolke vor die Sonne schiebt und sie verdeckt? Wenn es Nacht wird, die Sonne untergeht und der Dunkelheit Platz macht? Obwohl wir sie vielleicht nicht sehen können, ist die Sonne dennoch stets da – strahlt nur gerade auf einem anderen Teil der Welt heller. Genau so ist es mit Gott, der stets da ist und mir zur Seite steht, auch wenn ich ihn nicht sehen kann oder meine Welt in Dunkelheit getaucht ist, sogar dann, wenn ich das Gefühl habe, mich von Gott verlassen zu fühlen, ein Gefühl, das sogar Jesus am Tag seiner Kreuzigung kennenlernt. Es ist ein Teil des Menschseins, dass wir neben Licht die Dunkelheit erfahren. Das gehört dazu – und irgendwie ist das auch gut so.

 

Die Sonne ist aber nicht die einzige Lichtquelle, die am Himmel scheinen kann. Wenn die Sonne in der Nacht verschwindet, dann schenken uns die Sterne und der Mond am Himmel Licht. Ohne die Sonne würde der Mond niemals leuchten. Die Sonne bringt den Mond dazu, uns Licht zu schenken, wenn sie selbst gerade ihr direktes Licht auf andere Teile der Welt richtet. Genauso ist es bei uns Menschen auf der Erde. Ich kann mich allein fühlen – und doch gibt es Menschen, die immer für mich da sind, die mich innerlich strahlen lassen, ohne dass sie physisch neben mir stehen müssen. Und das gilt über das Leben und den Tod hinaus. Wie Jesus, der über seinen Tod hinaus – vielleicht gerade DURCH seinen Tod – die Welt und die Menschen auch Jahrtausende später so sehr verändert hat und viele Menschen noch heute inspiriert wie ein Stern, der noch lange über sein Vergehen hinaus am Himmel strahlt und zu sehen ist.

 

Vielleicht strahle ich nicht in dem gleichen Sinne, wie es eine Sonne tut, aber ich kann lachen, kann zufrieden sein, kann glücklich sein. Und wie die Sonne kann ich mein Licht an andere Menschen weiter geben und sie genauso zum Scheinen bringen. Und kann akzeptieren, dass dieses „Glücklich sein“ niemals für immer sein kann. Denn genau wie das Licht gehört die Dunkelheit zum Leben dazu. Erst durch die Dunkelheit weiß ich zu schätzen, was „Licht“ wirklich bedeutet. Wie das Scheinen der Sonne, ermöglicht auch die Dunkelheit in der Nacht das Wachsen von Leben. Eine Art Gleichgewicht ohne das Lebens nicht möglich wäre.

 

Es wird immer Licht und Dunkelheit im Leben geben – gute und schlechte Tage. Und letztendlich kann ich das nicht vollkommen vermeiden. Aber was ich kann, ist die Augen für das Gute zu öffnen. Kann ermöglichen, dass ich in jeder Dunkelheit nach Hoffnung suche, ohne so sehr an der Dunkelheit zu verzweifeln, dass ich die guten Dinge nicht mehr sehen kann, die kleinen Lichter – die Sterne, die am Horizont Licht spenden, ganz egal wie klein uns dieses Licht auch erscheinen mag: Wie die Menschen, die für uns da sind, auch wenn wir es vergessen oder es nicht merken, wie die kleinen und großen Dinge, die uns im Alltag und im Leben glücklich machen, wie Gott, der uns Leben und Hoffnung schenkt. Indem wir diese Hoffnung und diesen Glauben teilen, schenkt er uns sein Licht und bringt uns selbst zu leuchten, und das für uns selbst und auch für andere. Und so tragen wir sein Licht – unser Licht – weiter hinaus in diese Welt und zu all den Menschen, denen wir begegnen, jedes Mal, wenn wir beim Spazierengehen Menschen begegnen und ihnen ein Lächeln schenken, jedes Mal, wenn wir einen Menschen umarmen, wenn es ihm schlecht geht. Wie Jesus, wenn er sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12).

 

Und so klein wir uns mit unserem eigenen Licht in der Dunkelheit auch fühlen, so viel heller erstrahlt unser Licht in unserer Vielzahl, wenn wir zusammenhalten und uns beistehen. Plötzlich strahlen wir heller und bunter, als es ein einzelnes Licht jemals hätte tun können. Plötzlich schenken wir uns gegenseitig Licht und scheinen hell füreinander weiter, wenn sich ein einzelnes Licht in der Dunkelheit zu verirren droht.

 

Theresa Waldvogel