„Siehe, ich mache alles neu.“

Geistliche Gedanken zu Offenbarung 21,5

 

 

Liebe Leser und Leserinnen!

 

„Alles neu“. Als wir den Titel für die aktuelle Ausgabe des Gemeindebriefes festgelegt haben, schien Corona noch weit von uns entfernt. Bei „alles neu“ dachten wir an die Bereiche und Projekte unseres (Gemeinde-) Lebens, die wir selbst steuern können. Dahinter stehen meist gut überlegte Entscheidungen, z.T. mit langen Planungsphasen und Zielen, denen wir voller Hoffnung entgegenblicken. Das Neue ist oft mit Vorfreude verbunden, denn es eröffnet auch immer neue Möglichkeiten.

 

Seit Mitte März sind wir allerdings neue Wege gegangen, die wir vorher weder geplant und noch im Blick hatten. Als uns als Kirchengemeinde durch Verordnungen bewährte Arbeits- und Begegnungsformen genommen wurden, mussten wir neue Wege finden, um nicht zu erstarren. Unser neues Wegenetz reicht von der Online-Feier eines Gottesdienstes über Seelsorge am Telefon bis hin zu Presbyteriumssitzungen als Video-Konferenz.

 

So viel Neues – für manche auch zu viel Neues – innerhalb kürzester Zeit und gezwungenermaßen. Aber ist damit wirklich alles neu? Kann überhaupt alles neu sein?

 

Das Neue entsteht auf und aus dem, was gewesen ist – also aus dem Alten. Das Neue beschreibt oft nur eine Veränderung, die uns als neu und unbekannt erscheint, weil sie so ganz anders ist als das, was wir vorher erlebt haben. Wenn für uns etwas neu ist, heißt das noch lange nicht, dass es dieses Neue nicht schon vorher – möglicherweise in einem anderen Gewand – woanders gegeben hat: als Realität, als Idee, als Prophezeiung.

 

„Siehe, ich mache alles neu.“ Dieser Vers aus der Offenbarung des Johannes wurde geschrieben, um Menschen in einer fast unerträglichen Lebenswirklichkeit zu trösten und ihnen eine neue Lebensperspektive zu eröffnen. „Tod, Leid und Geschrei“ waren für sie an der Tagesordnungsordnung. Die Menschen fühlten sich von Gott verlassen. Sie fanden nicht mehr die Kraft und die Möglichkeiten, um in ihrer Lebenssituation selbst etwas Neues zu schaffen.

 

Da sind wir in unserer Gemeinde trotz Corona-Krise in einer sehr privilegierten Situation. Doch brauchen wir nicht weit zu schauen, um Tod, Leid und Geschrei wahrzunehmen: in Italien, Frankreich, Spanien oder in den Flüchtlingslagern Griechenlands. Nicht vergessen werden sollen aber auch – unabhängig von COVID 19 – Millionen weiterer Menschen, z.B. in Kriegs- und Dürregebieten, die keine Perspektive mehr für ihr Leben haben. Für sie alle gilt der Zuspruch Gottes: „Siehe, ich mache alles neu.“ Damit stößt Gott eine Tür für die Zukunft auf und für eine Hoffnung über die erlebte Gegenwart hinaus. Denn auch der heutige Tag steht schon im Licht der neuen Schöpfung Gottes.

 

Oder um es mit den Worten des Propheten Jesaja zu sagen: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jesaja 43,19)

 

Liane Scholz