Ökumene – was ist das alles?

 

 

„Ökumene“ – ein großes Wort mit vielen Zusammenhängen. Jeder versteht es anders. Spezialisten halten deshalb Vorträge. Das Interesse am Thema war schon mal größer…

 

Die Realität: Menschen leben Ökumene in sog. „konfessionsverbindenden Beziehungen“, quasi als religiöse Patchworkfamilien, ein Alltag, der meistens gut gelingt, weil die Zeiten religiös-konfessioneller Überheblichkeiten längst vorbei sind (sollte man jedenfalls meinen/hoffen).

 

Im „Lebensraum Schule“, meinem beruflichen Alltag, ist das Miteinander von Religionen und Konfessionen einschließlich  derer, die mit dem Thema überhaupt nichts anfangen können, eine Selbstverständlichkeit. Der respektvolle Umgang schließt die weltanschauliche Diversität ein. 

 

Also ist Ökumene gar kein Thema mehr? Nein, im Gegenteil: Die Statements, die Sie auf den folgenden Seiten lesen können, zeigen, wie wertvoll ökumenische Erfahrungen sind, in der eigenen Biografie, im Erleben von Gemeinde, Kirche und Gesellschaft. Die Reflexion persönlicher Erfahrungen möchte ich hier erweitern: mit dem Blick auf Zusammenhänge, garniert mit ein wenig Spezialwissen. Ökumene ist mehr als wir gemeinhin assoziieren und schon gar nicht auf das Miteinander von Katholiken und Evangelischen beschränkt.

 

Die Geschichte des Christentums war bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ausschließlich geprägt von Diversität, nämlich durch das Entstehen von Konfessionen, lokalen und regionalen Traditionen, zumeist gepaart mit Auseinandersetzung und Abgrenzung. Die großen „Schismen“, wie man die Kirchen(auf)spaltungen nennt, die Trennung des byzantinischen  Christentums vom päpstlichen Rom im Jahr 1054 (= die Entstehung der selbständigen orthodoxen Kirchenfamilie) und in der Reformationszeit das Entstehen des Protestantismus sind nur ein Teil eines langen und komplexen Prozesses.

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine Gegenbewegung ein, der 1948 in Amsterdam mit der Gründung des „Ökumenischen Rates der Kirchen“ (ÖRK) ein Meilenstein gelang. Parallel zur Entwicklung von Völkerbund und UNO wurde  die globale Vernetzung in der Christenheit immer wichtiger. Es sollte sich – so das Ziel der Gründungsväter und -mütter in Amsterdam – nie wiederholen, dass Christen, womöglich sogar unter dem Missbrauch des Namens Gottes, gegeneinander die  Waffen erheben. Dafür steht der Slogan von Amsterdam: „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein!“

 

Seitdem begleitet der ÖRK, dem 350 v.a. protestantische und orthodoxe Kirchen mit ca. 550 Millionen Mitgliedern angehören, die entscheidenden Themen unserer Zeit in Konferenzen, mit Kampagnen und Programmen. Die katholische Kirche arbeitet in vielem mit, ist aber keine Mitgliedskirche, da das ihrem eigenen Verständnis als Weltkirche widerspricht. Auf der letzten Vollversammlung des ÖRK 2013 im koreanischen Busan wurde der seit den 1980ern gelebte Prozess „Gerechtigkeit, Frieden
und Bewahrung der Schöpfung“ um die Perspektive der „Großen Transformation“ erweitert. Gemeint ist damit der notwendige Umbau der menschlichen Zivilisation im Blick auf die weitere Bewohnbarkeit unseres Planeten.

 

Das Titelbild des Gemeindebriefes gibt einen Ausschnitt ökumenischen Lebens rund um den ÖRK wieder. Die lebendige, oft von der Spiritualität Afrikas oder Asiens inspirierte ökumenische Liturgie tritt immer an die Seite der Sacharbeit in Gremien und Konferenzen oder in der praktischen Gestaltung internationaler Zusammenarbeit.

 

Unter dem Motto „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt“ findet vom 31.08. bis zum 08.09.22 erstmals eine Vollversammlung des ÖRK in Deutschland (in Karlsruhe) statt. Aktueller könnte das Thema nicht sein! Ob sich die Orthodoxen in Russland und in der Ukraine an der Botschaft von der Liebe Christi ausrichten und die versöhnende Kraft des Glaubens in ihren verfeindeten Gesellschaften und Lagern zur Geltung bringen? Es lohnt sich, einmal in die Themen einzutauchen, die in Karlsruhe verhandelt werden (siehe Link).

 

Einen noch viel weiteren Ansatz hat der ökumenische Theologe Hans Küng entwickelt und mit großer Energie vertreten: Das „Projekt Weltethos“. Der Grundgedanke: „Es gibt keinen Frieden auf der Welt ohne Frieden unter den Religionen.“ Küngs Vision: Wenn Menschen und Religionen sich kennen und achten lernen, wenn sie das gemeinsame ethische Band knüpfen und aktiv leben, dann wird sich die Welt verändern (siehe Link).

 

Visionen sind dazu da, dass sie sich in Realitäten verwandeln, wann/wie und in welchem Umfang auch immer…

 

 

Rolf Lenhartz