MitGefühl – Mitgefühl – mit Gefühl

Was ist das eigentlich?

 

 

„Mir stonn zo dir, FC Kölle!“ Schön und gut, der Fangesang schlechthin. Aber was drückt er aus? Solidarität, Empathie, Beileid, Mitleid, gefühlvoll, kölschbesoffen oder ein wenig gehässig?

 

„Mir jonn met dir, wenn et sin muss, durch et Füer!“ Jetzt wird es klarer (bis auf die sprachlich exakte Wiedergabe kölscher Mundart). In der – gefühlt – ewigen Folge von Auf- und Abstieg braucht das Mitgefühl zweierlei: Durchhaltevermögen und die  Bereitschaft, sich bei der emotionalen Füllung des Mitgefühls auf der Skala von 0 (= Beileid und Trauer) über 5 (= verbissene Solidarität) bis hin zur 10 (= stolze Identifikation) flexibel positionieren zu können.

 

Mitgefühl? Der Klick bei Wikipedia leitet sofort weiter auf den Artikel „Empathie“. Na klar, klingt ja viel besser, nein: gelehrter. Die dortige Definition von Empathie ist so kompakt, dass man ganze Lehrbücher mit Bedeutungen und Assoziationen füllen könnte: „Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Ein damit korrespondierender allgemeinsprachlicher Begriff ist Einfühlungsvermögen.“

 

Auf Deutsch: Mitgefühl verbindet. Aber einfach so wäre dann doch wieder zu einfach. Mitgefühl hat nämlich mindestens zwei Voraussetzungen: Erstens muss ich anderen Menschen mit einem wachen und zugewandten Blick begegnen. Es funktioniert nur, wenn ich die Eindrücke, die der andere Mensch bei mir hinterlässt, entschlüsseln kann und ich mich dann in einer bestimmten Weise verhalte.

 

Zweitens muss ich mich selbst gut kennen, meine typischen Reaktionsweisen, worauf ich anspringe und was ich gerne übersehe. Je klarer ich in mir selbst bin, um so eindeutiger kann ich das Verhalten und die Gefühle anderer Menschen verstehen.

 

Empathisch zu sein, das ist ein Stück Lebenskunst. Es lohnt sich, sie zu trainieren, auszubauen, zu vertiefen. Sie bewährt sich vor allem da, wo es richtig schwer wird: In Beileid und Trauer das Mitleid(en) so zu zeigen und zu leben, dass es für das Gegenüber gut „passt“.

 

Solidarität setzt Empathie voraus. Wenn ich für andere Menschen Partei ergreife, mit ihnen auf die Straße gehe, für ihre Rechte demonstriere, dann macht das nur Sinn, wenn ich ihre Situation verstehen und nachempfinden kann.

 

Solidarität führt ins Handeln, verändert und fordert einen selbst. Dietrich Bonhoeffer hat das zu Beginn der Nazizeit in seinem  bekannten Diktum so ausgedrückt: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

 

Solidarisch leben ohne Risiko? Wenn ich ernst mache mit der Solidarität, werde ich spüren, dass die Konsequenzen auch mich verändern. Aber Achtung: Zwischen Solidarität und Verbissenheit besteht ein Unterschied.

 

Wenn ich mich mit dem identifiziere, was ein anderer Mensch denkt, fühlt, glaubt oder will, dann verschmelze ich mit ihr oder ihm. In einer Liebesbeziehung wird schnell deutlich, dass Identifikation auch eine Grenze hat: Wenn ich mich selbst verliere und mich nur noch als Teil der anderen Person sehe, dann bin ich nicht mehr Gegenüber. Dann haben am Ende beide verloren. Und was sollte das mit der FC-Hymne? Na ja, da ist `ne Menge drin. Mitgefühl ist gut gelebter Alltag.

 

Rolf Lenhartz