Geburtskirche und Grabeskirche: Friede???

 

 

Frieden in Israel – das ist eine schwierige Sache. Wir aus Europa neigen dazu, einfache Lösungen anzudenken, die es nicht geben kann.

 

Schwierig ist es vor allem, weil es nicht (nur) um politische Überzeugungen und ethnische Zugehörigkeiten geht, sondern um Religionen. Religion ist wichtig, wichtiger als bei uns in Deutschland, und sie bestimmt das Handeln. Unvorstellbar, dass sich jemand in Köln vorstellt als „Ich heiße Maria, bin deutsche Protestantin und verheiratet mit einem spanischen Katholiken“ – in Israel aber ist das völlig normal – und wichtig!

 

Dass es Konflikte gibt, wenn überaus überzeugte Anhänger einer Religion auf genauso strenggläubige Anhänger einer anderen Religion treffen – das ist nachvollziehbar. Verständigung? Versuche gibt es, aber, den Eindruck habe ich gewonnen – das sind nur wenige, das ist nicht allgemeiner Konsens.

 

Dann sollte man doch meinen, dass die Christen es besser machen: Nach Verständigung zu streben, Liebe nicht nur zu predigen, sondern zu leben, den anderen zu akzeptieren und ihm seine Freiräume zu lassen – das erwarte ich von einem Christen.

 

Weit gefehlt – hier läuft das anders. Wichtige Stätten, wie die Geburtskirche in Bethlehem, die über der Grotte erbaut ist, in der Jesus geboren sein soll, und die Grabeskirche in Jerusalem, die an der überlieferten Stelle steht, wo Jesus gekreuzigt und begraben wurde, teilen sich jeweils mehrere christliche Gruppierungen.

 

In der Geburtskirche in Bethlehem (Foto Startseite) sind das griechisch-orthodoxe, armenisch-apostolische und römisch-katholische Christen. Ganz klar ist geregelt, welcher Altar wem gehört und über welchen Gang welche Gruppe in die Kirche einziehen darf. Zieht man ein, geschieht das immer lautstark – und wenn man andere dabei stört, ist das durchaus beabsichtigt.

 

Die jeweils zugeteilten Einflussbereiche werden eifersüchtig bewacht: Es kam hier schon zu Prügeleien zwischen armenischen und orthodoxen Priestern während des traditionellen Kirchenputzes für das orthodoxe Weihnachtsfest, weil jemand beim Fegen einen „gegnerischen“ Bereich gesäubert hatte. Der Streit musste von der Polizei aufgelöst werden.

 

Das Dach war lange Jahre so morsch, dass es einzustürzen drohte – gemacht wurde nichts, weil man sich nicht einigen konnte, wer welchen Teil bezahlen durfte – nicht musste! Erst, als die palästinische Autonomiebehörde die Renovierung mit einem Machtwort in die Hand nahm, konnten die streitbaren Parteien ihr Gesicht wahren und die Arbeiten beginnen.

 

Die Grabeskirche in Jerusalem (Foto oben) wird zu den bereits oben genannten noch durch die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, die Kopten und die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche beansprucht. Streit kann da nicht ausbleiben. Das beginnt schon damit, dass die Äthiopier in einer Nacht- und Nebel-Aktion das koptische Kloster auf dem Dach der Kirche besetzt haben und seitdem mit den Kopten (auch handgreiflich) darum streiten.

 

Die Schlüsselgewalt über die Grabeskirche haben zwei muslimische Familien – der eine bringt den Schlüssel, der andere schließt auf (Kompromiss nach Streit zwischen den Familien – warum sollte es unter Muslimen besser sein). Den Schlüssel einer der christlichen Gruppierungen zu übergeben, würde mit Sicherheit dazu führen, dass alle anderen sofort ausgesperrt würden… Ach ja: Sicherheitshalber bleiben nachts immer Mönche einer jeden Konfession in der geschlossenen Kirche – man kann ja nie wissen!

 

Wer wann wo beten darf, wem welche Zonen gehören, wer wo fegen darf (!) – das ist genau festgelegt, seit 1852. Da es damals noch keine Sommerzeit gab, sieht man sich auch nicht in der Lage, während der heutigen Sommerzeit die Öffnungszeiten entsprechend anzupassen. Kritisch wird es, wenn z.B. am orthodoxen Osterfest alle orthodoxen Gruppierungen gleichzeitig und vor allem gleich lang wie die jeweils anderen feiern wollen. Handgreiflichkeiten sind da nicht ausgeschlossen. Kurios: Eine Leiter, über die Mönche früher während der Sperrzeiten in die Kirche klettern konnten, ist heute überflüssig, aber man kann sie nicht entfernen, weil die Zuständigkeit nicht geregelt ist und man sich nicht darüber einigen kann.

 

Unglaublich, denken Sie? Ich kann es auch nicht fassen. Wenn schon die Christen untereinander sich nicht über solchen Kinderkram einigen können, wie stehen dann die Chancen für eine interreligiöse Verständigung, wie für Frieden in der Region? Ich, ganz persönlich, bin fassungslos ob solcher Streitigkeiten im Namen der Religion!

 

Sabine Blume