Erntedank

 

 

Der erste Sonntag im Oktober: das bedeutet, es ist wie jedes Jahr Zeit für Erntedank. Mit bunten Farben und einer unfassbaren Vielfalt werden Gaben zusammengebracht. Seit ich denken kann, kenne ich den Brauch des Erntedankes. Weder gibt es ihn seit gestern, noch ist er ein lokaler Brauch. Vergleichbare Feste werden auch in Japan oder – etwas bekannter vielleicht – in Amerika gefeiert. Und ich denke, der Grundgedanke ist bei allen ein ähnlicher. Wir legen die Früchte dieser Welt dar, machen sie physisch begreifbar, und bedanken uns für ihre Vielfalt. Früher war die Erntezeit der Schlüssel dazu, wann und wie Gott für die Ernte gedankt wurde.

 

Heute rutscht die tatsächliche Ernte jedoch mehr und mehr in Vergessenheit. Die industrielle Massenherstellung stellt die Abhängigkeit des Menschen von der Natur etwas in den Schatten. Während ich vor dem Kühlschrank stehe und mich vor lauter Angebot nicht entscheiden kann, wäre in anderen Teilen der Welt auch nur ein einziges dieser Angebote mehr als genug um dankbar zu sein. Das macht mir bewusst, in welcher privilegierten Welt ich leben darf.

 

In meinen Augen ist Erntedank genau deswegen unfassbar wertvoll. Denn das, was wir haben, sollte keine Selbstverständlichkeit sein. Der Mensch ist immer noch abhängig von der Natur und der Ernte, die sie uns bringt. Es droht den Menschen immer wieder, diese Gedanken aus dem Blick und damit vielleicht die Dankbarkeit zu verlieren. Denn nur wenn wir bewusst mit offenen Augen diese Gaben sehen können, können wir sorgsam mit ihnen umgehen.

 

Und daran erinnert Erntedank. Wir danken Gott für seine Schöpfung und erinnern uns an die Verantwortung, die wir ihr gegenüber tragen.

 

Theresa Waldvogel