Digitalisierung: Fluch oder Segen?

 

 

Wir alle haben lange darauf gehofft, Corona hat es möglich gemacht: die Digitalisierung bzw. Verbesserung der Digitalisierung in Deutschland. Für mein Abitur 2019 musste noch der alte Computer meines Vaters herhalten. Nun ist es seit tatsächlich schon einem Jahr fast selbstverständlich den größten Teil des Schulstoff es über ein von der Schule zur Verfügung gestelltes iPad zu organisieren und zu lernen. Dafür hat mein Unterricht für das Abi auch noch ganz normal in Präsenz stattgefunden, was aktuell für Schüler*innen, die das Wort Videokonferenz wahrscheinlich nicht mehr hören können, wie purer Luxus klingt. Und ich, die ich bisher ausschließlich online studiert habe und noch nie einen Hörsaal gesehen habe, bin mir nicht ganz so sicher, ob die Digitalisierung nun wirklich ein Segen ist.

 

Das liegt aber vor allem daran, dass der hohe Fortschritt der Digitalisierung in Deutschland nicht mehr von der Pandemie trennbar ist. Sie ist nicht mehr nur nice to have oder etwas, bei dem man in Hinblick auf andere Länder mithalten muss, sondern unser Rettungsboot. Das ermöglicht natürlich überhaupt erst, dass wir noch in Ansätzen weiter anständig arbeiten, lernen und mit Menschen sprechen können, was definitiv viel Schaden verhindern konnte und kann und man hat dadurch gemerkt, dass es eine tolle Möglichkeit darstellt, um Inlandsflüge schmerzfrei zu vermeiden. Aber wenn wir jetzt mal ehrlich sind: es ist einfach nicht dasselbe wie analoge Kommunikation und vor allem analoge Sozialisierung.

 

Und hier haben wir wahrscheinlich auch die meisten Abstriche machen müssen. Denn ein Rettungsboot ist halt auch immer noch ein Rettungsboot und kein Festland. Es tut, was es soll, und rettet, was zunächst einmal die erste und höchste Priorität hat, aber eigentlich arbeitet man die ganze Zeit darauf hin, endlich am Festland anzukommen. Was ich damit sagen möchte ist, dass die Digitalisierung vor allem im Bezug zu Corona als Fluch interpretiert werden kann, denn manchmal hat man das Gefühl, man kommt nie mehr am Festland an.

 

Acht Stunden Schule, Uni, Arbeiten über Videokonferenzen sind deutlich erschöpfender als acht Stunden dasselbe in Präsenz zu machen. Und auch das Einschalten von Kameras ist, mal ganz abgesehen von Datenschutzgründen, vor allem eine Frage der Privatsphäre, was aber ein großes Dilemma aufwirft. Für Lehrende bzw. Vortragende oder Moderierende ist es oft sowieso schon schwer, Stimmungen über ein kleines Rechteck zu erkennen, aber bei einem schwarzen Rechteck kann da nur noch eine zumindest in Teilen aktive Teilnahme helfen, um herauszufinden, wo sich die Zuhörenden gerade befinden. Auf der anderen Seite ist es meiner Meinung nach trotzdem sehr nachvollziehbar, dass man nicht den ganzen Tag sich selbst in 2D sehen möchte.

 

Die Frage, auf die nur ein Schulterzucken folgen kann, ist also: Wie effektiv ist unser Rettungsboot eigentlich? Aber vielleicht lassen wir die Digitalisierung einfach mal Rettungsboot sein und überlegen uns stattdessen lieber, wie wir unsere Zeit dort verbringen wollen. Denn, wie gesagt, ermöglicht unser aktueller digitaler Fortschritt, dass wir überhaupt noch in Ansätzen weiter Unterricht haben, arbeiten und uns mit Menschen verbinden können. Was meiner Meinung nach aber oft vergessen wird ist, dass es nicht dasselbe ist wie ein einfaches analoges Gespräch. Ich möchte auch niemandem vorwerfen, das Gegenteil behauptet zu haben, sondern eher daran appellieren nachzufragen: „Hey, wie geht es dir eigentlich? Also wirklich?“ Und sich die Zeit zu nehmen einem „boah ehrlich gesagt nicht so gut“ zuzuhören. Denn das ist gar nicht schlimm, sondern zu erwarten nach dieser langen Zeit der Einschränkungen. Und dabei geht es gar nicht unbedingt darum, jemandem sofort Hilfe anzubieten (die man vielleicht gar nicht anbieten kann), sondern erstmal Verständnis und Aufmerksamkeit mitzubringen.

 

Ich würde mir wünschen, um die Zeit auf dem Rettungsboot etwas erträglicher zu machen, dass wir weniger „haltet durch“ und „beißt nochmal die Zähne zusammen“ hören müssen und stattdessen einem „Wie geht’s dir?“ ein bisschen mehr Zeit und ein bisschen mehr Aufmerksamkeit geben würden, um wieder mehr spontane Sozialisierungsprozesse zuzulassen und das eigene Leben dadurch mehr zu bereichern. Und ein Lächeln erkennt man auch trotz Maske  🙂

 

Sophie Durant